Grannen als Fremdkörper beim Hund im Sommer

Grannen beim Hund sind im Sommer eines der häufigsten Notfallprobleme in unserer Praxis. Die kleinen Grassamen bohren sich in Pfote, Ohr, Auge oder Nase – und wandern von dort tief ins Gewebe. Hier erfahren Sie, woran Sie eine Granne erkennen, wie wir sie finden und warum Abwarten der schlechteste Weg ist.

Die Ursache: ein Samen, der nur eine Richtung kennt

Grannen sind die borstigen Fortsätze der Ähren verschiedener Gräser – die „Klassiker“ bei uns sind Mäusegerste, Trespen und Wildhafer. Ab Juni, wenn die Gräser abreifen und trocken werden, lösen sich die Ährchen bei der kleinsten Berührung.

Entscheidend ist ihre Bauweise: Eine Granne ist spindelförmig und trägt nach hinten gerichtete Widerhaken. Sie kann sich dadurch nur in eine Richtung bewegen – nach vorn. Jede Bewegung des Hundes, jede Muskelkontraktion, jeder Schritt schiebt sie ein Stück weiter ins Gewebe. Ein Herausrutschen ist mechanisch praktisch unmöglich.

Genau das macht die Granne zu einem sogenannten wandernden Fremdkörper: Grannen bleiben nicht dort, wo sie eingedrungen sind. Sie wandern durchs Gewebe, tragen Bakterien mit sich und verursachen anhaltende Entzündungsreaktionen – bis hin zum Abszess oder zur Fistel.

Besonders betroffen sind langhaarige Hunde und Rassen mit dichtem Fell zwischen den Zehen, weil sich die Grannen dort regelrecht verfangen.

Symptome: Woran erkenne ich Grannen beim Hund?

Die Symptome hängen vollständig davon ab, wo die Granne eingedrungen ist und wohin sie wandert.

Hier finden Sie ein paar Symptome in Abhängigkeit von der Lokalisation:

Zwischenzehenbereich (die häufigste Eintrittspforte)
Plötzliches, intensives Lecken an einer Pfote, Lahmheit, eine schmerzhafte Schwellung im Zwischenzehenraum, später eine kleine, immer wieder aufbrechende Fistelöffnung. Typisch: Es tritt aus heiterem Himmel auf – gestern noch unauffällig, heute Lahmheit.

Ohr
Heftiges, plötzliches Kopfschütteln, Kratzen, Kopfschiefhaltung, Schmerz beim Berühren. Grannen im Gehörgang sind ein Notfall – sie können das Trommelfell perforieren.

Auge
Blepharospasmus (zugekniffenes Auge), starker Tränenfluss, Bindehautentzündung; die Granne sitzt oft unter der Nickhaut, Hornhautschädigung.

Nase
Anfallsartiges, heftiges Niesen, oft einseitiger Nasenausfluss, Nasenbluten.

Maulhöhle
Gähnen, mit der Pfote über das Gesicht reiben, schlechteres Fressen, Schmerzen, Schwellung im Kehlgang.

Lunge
Husten, Würgen, Atemnot, vor allem, wenn die Hunde durch das hohe Gras und reife Getreidefelder getobt sind -> akuter Notfall

Tiefe Wanderung
Von der Pfote oder der Flanke aus können Grannen erstaunlich weit wandern: in die Unterhaut entlang der Gliedmaße, in die Achsel- oder Leistenregion, in die Lendenmuskulatur (Iliopsoas) mit Rückenschmerz und sublumbalem Abszess. Über die Atemwege eingeatmete Grannen können Lungenentzündungen, Pyothorax oder sogar einen Pneumothorax verursachen. Beschrieben sind Fundorte bis in Prostata, Bauchhöhle und Wirbelkanal.

Ein wiederkehrender Abszess an derselben Stelle, der auf Antibiotika immer nur kurz anspricht, ist bis zum Beweis des Gegenteils ein Fremdkörperabszess.

Diagnostik: Wie findet man Grannen am besten?

Es gewinnt der Ultraschall.
Mit einem hochfrequenten Linearschallkopf stellt sich eine Granne charakteristisch dar: als spindelförmige, echoreiche Struktur mit zwei bis drei parallelen Grenzflächen – ein Bild, das man einmal gesehen haben muss und danach wiedererkennt. Meist liegt sie eingebettet in eine echoarme Entzündungs- oder Abszesszone, die als „Kontrastmittel“ wirkt.

Die verschiedenen Verfahren zum Nachweis dieser pflanzlichen Fremdkörper wurden auch wissenschaftlich untersucht:
Eine systematische Übersichtsarbeit über 46 Studien fasst zusammen:
Ultraschall ist sicher, verfügbar, kostengünstig und minimal-invasiv, macht den Fremdkörper sichtbar und erlaubt es, die Entfernung zu planen – die Anwendung während der Operation erhöht zusätzlich die Erfolgsquote. Der Haken: Das Verfahren ist stark von Erfahrung und Übung des Untersuchers abhängig.

Was ist mit den anderen Verfahren?

Tasten – hilft nur bei sehr oberflächlichem Sitz der Granne und wenn man Glück hat. Die Schwellung ist tastbar, die Granne selbst meist nicht.
Meine Bewertung: viel zu unsicher

Röntgen – nahezu wertlos für die Darstellung einer Granne selbst. Pflanzliches Material ist strahlendurchlässig und hebt sich vom Weichgewebe nicht ab. Man sieht allenfalls die Folgen (Schwellung, Erguss), nicht die Ursache.
Meine Bewertung: nicht ausreichend diagnostisch

DVT (Digitale Volumentomographie) – Grannen stellen sich meist nicht direkt dar. Sie enthalten zunehmend Flüssigkeit und grenzen daher sich kaum vom Weichteilgewebe ab. Sind gasbildende Bakterien vorhanden, können wir die kleinen Gasansammlungen darstellen.
Nach Kontrastmittelgabe können wir den Fistelkanal und die Entzündung sehr gut darstellen und nachverfolgen. 
Eingeatmete  Ähren in der Luftröhre und in der Lunge lassen sich hervorragend darstellen.
Meine Bewertung: für Spezialfälle und besondere Fragestellungen besser geeignet als konventionelles CT, aber nicht diagnostisch.

CT – auch sehr stark darin, den Migrationsweg darzustellen: Entzündungsbahnen, Abszesshöhlen, Erguss, veränderte Lymphknoten. Die Granne selbst wird dagegen oft gar nicht direkt abgebildet. In einer Untersuchung zur Grannen-Rhinitis war der Fremdkörper im CT nur bei 1 von 22 Hunden direkt sichtbar (rund 5 %). Das CT ist also unverzichtbar bei tiefen Wanderungen (Brustkorb, Lendenregion) – als Suchgerät für die Granne ist es überschätzt.
Meine Bewertung: für Spezialfälle und besondere Fragestellungen geeignet, aber nicht diagnostisch.

MRT – guter Weichteilkontrast, zeigt Entzündungsbahnen ebenfalls gut, ist aber teuer, aufwendig und für den Fremdkörper selbst nicht überlegen.
Meine Bewertung:Inder Regel zu teuer und zu wenig diagnostisch

Fazit:
für die Diagnostik und OP-Planung von Grannenabszessen ist der Ultraschall am besten geeignet und zudem viel kostengünstiger als DVT, CT oder MRT.

Ehrlicherweise gilt folgende Einschränkung: Nicht jede wandernde Granne lässt sich im Ultraschall direkt darstellen – oft sieht man aber die durch sie verursachten Veränderungen sehr deutlich. Bei schwer zugänglichen Lokalisationen ist die Kombination aus DVT oder CT und Ultraschall der beste Weg.

Kurz gesagt: Ultraschall zum Finden und Herausholen. CT, wenn die Granne tief gewandert ist.

Therapie: entfernen – nichts anderes hilft dauerhaft

Antibiotika und Entzündungshemmer bessern das Bild oft kurzfristig. Die Granne bleibt aber, und die Beschwerden kommen zurück. Für eine dauerhafte Heilung ist die Entfernung des Fremdkörpers unverzichtbar.

Je nach Sitz:

  • Ohr, Auge, Nase: Entfernung in Sedation oder Narkose mit Otoskop/Endoskop und Fremdkörperzange – wenn möglich noch am selben Tag.
  • Zwischenzehe / Unterhaut: ultraschallgeführte OP-Planung und Entfernung über einen kleinen Zugang, im Zweifelsfall unter direkter Bildkontrolle. Der Vorteil: kleiner Schnitt, gezielter Zugriff, und man kann im Anschluss nachschallen, ob wirklich alles draußen ist.
  • Tiefe Wanderung (Brustkorb, Lendenregion): chirurgische bzw. minimal-invasive Entfernung nach vorheriger Schnittbilddiagnostik.

Ganz wichtig: Grannen können zerbrechen. Bleibt ein Fragment zurück, geht die Entzündung weiter. Deshalb wird die entfernte Granne mit dem Ultraschallbild abgeglichen und die Stelle erneut kontrolliert.

Prognose

Wird die Granne früh und vollständig entfernt, ist die Prognose sehr gut – die Entzündung heilt in der Regel folgenlos ab.

Kritischer wird es, wenn

  • Reste im Gewebe verbleiben (→ Rezidiv, chronische Fistel),
  • viel Zeit vergangen ist und sich ausgedehnte Fistelsysteme gebildet haben,
  • die Granne in Brusthöhle, Bauchhöhle oder Wirbelkanal gewandert ist – hier ist die Prognose deutlich vorsichtiger zu stellen und der Eingriff aufwendig.

Die Faustregel: Je früher, desto einfacher. Eine Granne, die heute zwischen den Zehen sitzt, ist ein kleiner Eingriff. Dieselbe Granne in vier Wochen in der Lendenmuskulatur ist eine ganz andere Baustelle.

Vorbeugen ist einfacher als suchen

  • In der Grannenzeit (Juni bis September) hohe, abgereifte Wiesen und Wegränder meiden.
  • Das Fell zwischen den Zehenballen kurz halten – das ist die wirksamste Einzelmaßnahme.
  • Nach jedem Spaziergang absuchen: Pfoten und Zwischenzehenräume, Ohren, Achseln, Leisten, Augenwinkel.
  • Bei langhaarigen Hunden Ohrbehang und Ohreingang kontrollieren.

Und bei plötzlichem Lecken an einer Pfote, plötzlichem Kopfschütteln, plötzlichem Niesen oder einem zugekniffenen Auge im Sommer gilt: bitte nicht abwarten. Melden Sie sich bei uns – je früher wir schauen, desto kleiner ist der Eingriff.

Herzliche Grüße und bis bald!

Autorenprofil:

Dr. Klaus Sommer
Fachtierarzt für Kleintiere
General Practitioner Certificate (Small Animal Surgery)
praktizierender Tierarzt
Inhaber

 


Quellen

  • Caivano D, Corda F, Corda A, Moretti G, Bufalari A. Application of Ultrasound in Detecting and Removing Migrating Grass Awns in Dogs and Cats: A Systematic Review. Animals 2023;13:2071. doi:10.3390/ani13132071
  • Lafuma F, Baudin Tréhiou C, Bernardin F, Blond L. Computed tomography may be helpful in discriminating grass awn foreign body rhinitis from non-foreign body rhinitis in dogs. Vet Radiol Ultrasound 2021;62:533–540. doi:10.1111/vru.12981
  • Gnudi G, Volta A, Bonazzi M, Gazzola M, Bertoni G. Ultrasonographic features of grass awn migration in the dog. Vet Radiol Ultrasound 2005;46:423–426.
  • Brennan KE, Ihrke PJ. Grass awn migration in dogs and cats: a retrospective study of 182 cases. J Am Vet Med Assoc 1983;182:1201–1204.
  • Baudin Tréhiou C et al. CT is helpful for the detection and presurgical planning of lung perforation in dogs with spontaneous pneumothorax induced by grass awn migration: 22 cases.
    Vet Radiol Ultrasound 2020;61:157–166.

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