„SWR Tierisch teuer“ – Ein Kommentar | Dr. Klaus Sommer, Tierarzt München

Die Axt an der Wurzel

Ein Kommentar zum SWR-Beitrag von Berndt Welz: „Tierisch teuer – was hinter den hohen Tierarztkosten steckt“

Dr. Klaus Sommer, München

Liebe Leser, zwei Dinge vorab:

Für diesen Artikel brauchen Sie ca. 20 Minuten Zeit und Ruhe und die Bereitschaft, einer Meinung zuzuhören. Wenn Sie eine schnelle Antwort suchen oder „Diagonalleser“ sind, bitte kommen Sie wieder, wenn Sie diese Zeit und Ruhe mitbringen.

Grundvoraussetzung für diesen Artikel ist auch, dass Sie meinen Artikel „Der große Irrtum in der Tiermedizin“ aus 2023 und die Historie der tierärztlichen Gebühren kennen.

Bereit? Na dann los!

Vorwort

Am 19.5.2026 veröffentlichte der SWR den Beitrag mit dem Titel „Tierisch teuer – was hinter den hohen Tierarztkosten steckt“ von Berndt Welz. Dieser kreist seither in den sozialen Medien.
Anhand folgender Beispiele werden die Tierarztkosten und die Gebührenordnung für Tierärzte in Deutschland beleuchtet:

  • 19.000 € für die Behandlung einer Katze, die am Ende eingeschläfert wurde,

  • ein Pferd, das abgegeben werden muss, weil sich die Besitzerin den Tierarzt nicht mehr leisten kann,

  • unterschiedliche Preise für die Kastration eines Rammlers.

Über die tendenziöse, einseitige Berichterstattung, über die Unausgewogenheit und über die fehlende Darstellung der tierärztlichen Seite wurde bereits viel geschrieben. Viele Kolleginnen und Kollegen haben dazu deutlich und völlig korrekt Stellung bezogen. Zuletzt auch die Bundestierärztekammer. [1]

Aus Kollegengesprächen weiß ich, dass renommierte Kollegen im Vorfeld von Berndt Welz kontaktiert wurden und sich in stundenlangen Gesprächen bemüht haben, die tierärztliche Seite transparent zu erklären. Diese Kollegen kamen in dem Beitrag nicht zu Wort.
Den Vertreter des Bundesverbands praktizierender Tierärzte (bpt) kenne ich persönlich und man merkt ihm im Beitrag sehr wohl an, dass er vor der Kamera offenbar lange und sehr unangenehm befragt wurde. Am Ende wurde er lediglich auf die wenigen Sätze reduziert, die offenbar zur Linie des Beitrags passten.

Für meinen Artikel ist diese völlig berechtigte Kritik trotzdem irrelevant.

Lassen Sie uns den Beitrag anhand seiner Protagonisten näher betrachten:

Die 19.000-Euro-Katze

Ich finde, es ist Aufgabe der Tierärzte, folgende Situation kristallklar aufzulösen: schwerwiegende Diagnose, fragliche Prognose, hohes Alter – und Kosten, die im fünfstelligen Bereich liegen können.
19.000 € sind sehr viel Geld, für das sehr lange gearbeitet werden muss.
Daher ist es in meinen Augen zwingend notwendig, das Verständnis des Besitzers für die Gesamtsituation, die Prognose und die zu erwartenden Kosten herbeizuführen und zu dokumentieren.
Wir wissen nicht, ob eine klare Einordnung von Seiten der Tierklinik tatsächlich fehlte oder ob die Besitzer die unbequeme Wahrheit nicht hören oder verstehen wollten.
Denn eines wissen Tierärzte auch:
Die Kunden, die sich am häufigsten über die Rechnungen beschweren, sind diejenigen, die vorher ihrem Tierarzt gesagt haben: „Geld spielt keine Rolle!“

Ganz im Ernst und frei von der Leber weg? Ich persönlich finde diese Summe einen Skandal.

Warum?

Es handelt sich um eine 16 ½ Jahre alte, liebgewonnene Katze, deren Besitzer sich auf den Rat von Tierärzten verlassen haben und den Therapievorschlägen gefolgt sind. Aber mit 16 ½ Jahren ist auch in einem Katzenleben nicht mehr so viel Leben übrig. Selbst wenn alle Therapiemaßnahmen erfolgreich verlaufen, kann niemand die Zeit zurückdrehen und den Besitzern eine junge Katze überreichen.

Strukturwandel und Rechnungshöhen

Tatsächlich sehen sich Bundestierärztekammer und Landestierärztekammern seit etlichen Jahren zunehmend absurd hohen Tierarztrechnungen gegenüber. Diese Rechnungen sind zwar GOT-konform, trotzdem erscheinen sie vielen Kolleginnen und Kollegen unredlich hoch.
Auch wir Tierärzte schütteln über solche Rechnungen oft ungläubig die Köpfe.

Ob das nun mit dem größer werdenden Einfluss und der Anwesenheit der investorengeführten Einheiten zusammenhängt, lässt sich noch nicht eindeutig nachweisen. Denn selbstverständlich finden wir auch in unabhängigen Kliniken und Praxen zum Teil „Preise aus Absurdistan“.

Insgesamt zeichnet sich aber doch zunehmend der Eindruck ab, dass man die beschriebenen Rechnungshöhen gerne im Zusammenhang mit Kettenkliniken sieht. Und man vermutet sie bei Einrichtungen, bei denen der Verdacht naheliegt, dass Umsätze im Vorfeld eines möglichen Verkaufs an eine Kette aufgebläht werden sollen, um die Attraktivität zu erhöhen.

Warum gerade diese Gruppen

Mathematisch nüchtern betrachtet:
Eine investorengeführte Einheit hat immer zusätzliche Kosten, die nahezu ausnahmslos über tierärztliche Behandlung und Diagnostik auf Tierhalter umgelegt werden müssen. Dazu gehört der sehr kostenintensive administrative Verwaltungsapparat des Investors plus die Renditeerwartung von Fremdinvestoren.
Zählen Sie mal die vielen Köpfe auf den Websites der Ketten – nicht der Kliniken.

Es mehren sich die Stimmen der Tierärztinnen und Tierärzte, die in investorengeführten Einheiten arbeiten, dass Konzernleitungen klare Umsatzvorgaben und Zielerwartungen an die angestellten Kolleginnen und Kollegen vorgeben.
Eine Situation, die gemäß einer aktuellen Studie zur Arbeitszufriedenheit der Tierärzte des Bundesverbandes angestellter Tierärzte (BAT) belastend für die Tierärztinnen und Tierärzte in investorengeführten Einheiten zu sein scheint.
Die Mitarbeiter in diesen Strukturen sind am unzufriedensten.[2] [3]

So richtig überzeugen konnte die Klinikmanagerin im SWR-Beitrag auch mich nicht. Bei mir blieb der Eindruck, sie wolle vermitteln, die Klinik hätte die Katze retten können, wenn der Tierbesitzer seine Katze nicht hätte einschläfern lassen.
Leider ist jedes Leben endlich, und das sollten wir Tierärzte sauber kommunizieren können.

Die große Rechnung

Ich bin ein großer Freund detaillierter Rechnungen, so wie sie die Klinik erstellt hat. Sehr detailliert, sehr gut nachvollziehbar. So sollten tierärztliche Rechnungen aussehen. Dazu gehört selbstverständlich auch, dass alle für diese Katze verwendeten Verbrauchsmaterialien und Medikamente aufgelistet und abgerechnet werden. Wir Tierärzte müssen diese einkaufen und bezahlen.
Man sieht gleichzeitig sehr schön, wie sich Verbrauchsmaterialkosten addieren. Oft genug werden von Tierärzten und Tierhaltern diese Kosten deutlich unterschätzt.

Daran Kritik zu üben, ist schlicht unangebracht.

Fazit 1:
Tierärztliche Leistungen müssen GOT-konform erbracht und auf einer detaillierten Rechnung nachvollziehbar dargestellt werden. Medikamente und Verbrauchsmaterialien sind nicht von der GOT erfasst und werden immer gesondert berechnet. Ebenso die Mehrwertsteuer.

Extrem hohe Rechnungen werden häufiger.
Diese liegen den Kammern und der Bundestierärztekammer als Beschwerden vor.
Es besteht allgemein der Verdacht, dass bestimmte Gruppen besonders hohe Rechnungen erstellen.

Siehe auch Fazit 4.

Das Asthma-Pferd – ein Drama in 3 Akten

Ich war sehr dankbar für dieses Beispiel, denn es zeigt, wie einfach es ist, die Schuld beim Falschen zu vermuten und mit dem Finger auf die Tierärzte zu zeigen.
Es ist ein wunderbares Beispiel für die Kosten einer Pferdehaltung.

1. Akt

Die Besitzerin hatte im Alter von 14 (!) Jahren ein vierjähriges Pferd bekommen.

Ein eigener Kauf war rein juristisch unmöglich, da sie als 14-Jährige nicht voll geschäftsfähig war.
Wo war also zu dieser Zeit der Erwachsene, der einer 14-Jährigen diesen Kauf erlaubt oder gar finanziert und unterstützt hat? Wer hat die junge Dame nicht auf die Folgekosten hingewiesen?
Fahrtkosten, Stall- und Unterbringungskosten, Reitstunden, Fütterung und ja, auch Hufschmied und regelmäßige Tierarztkosten (Impfung, Entwurmung) müssen im Vorfeld eines Kaufes kalkuliert werden. Sie belasten das Budget dauerhaft.

Plakativ gefragt: Ist es sinnvoll, ein 14 Jahre altes Kind ohne Einkommen und noch ohne finanzielle Zukunft bereits so früh mit den enormen regelmäßigen Kosten, die die Pferdehaltung nun einmal mit sich bringt, zu belasten?

2. Akt

Leider werden in unserer Gesellschaft die sozialen Berufe monetär nicht annähernd so wertgeschätzt, wie sie es verdient hätten. Das meine ich bitterernst. OP-Pfleger, Krankenschwestern, Pflegekräfte, TFA und MFA leisten einen Knochenjob – emotional und körperlich. Diese Berufe gehören wesentlich besser entlohnt.
Da das Gehalt aber nicht ausreichend ist, überschreitet nun leider die Gesamtsituation die finanziellen Möglichkeiten der Besitzerin.
Die Fehlentscheidung im ersten Akt ist der eigentliche Grund dafür.
Bereits die Grundbelastung für Fütterung, Stallkosten, Reitstunden und Ausstattung eines Pferdes fordern einen erheblichen Anteil des Nettolohnes. Die Kosten für Tierarzt und Schmied bringen nur das Fass zum Überlaufen.

Wussten Sie, dass in der Pferdehaltung die Tierarztkosten je nach Haltungsform nur zwischen 5 % und 10 % der Gesamtkosten ausmachen?

Harte Mathematik kennt leider keine Emotionen – des Dramas zweiter Teil.

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3. Akt

Die logische und richtige Entscheidung ist nun die Trennung vom geliebten Pferd.

Auch das meine ich ernst: In jedem Alter ist für viele Menschen die Bindung an ihre Tiere Heil, Trost und Halt in schweren wie in guten Zeiten. Deswegen trennen sich Menschen nur schwer von ihren geliebten Tieren: egal ob auf Zeit oder, wie im ersten Fall, für immer.
Diese starke emotionale Bindung (Human-animal bond) ist für viele Besitzer zugleich Anlass, hohe finanzielle Belastungen auf sich zu nehmen – oft auch über ein gesundes Maß hinaus.

Das wissen auch Investoren.

Die Schlussfrage lautet nun:
Wer trägt die tatsächliche Schuld an diesem Drama? Sind es wirklich hohe Tierarztkosten?

Fazit 2:
Gerade die Pferdehaltung ist ein sehr, sehr teures Hobby mit hohen Grundkosten. Pferdehaltung ist daher leider nur für wenige Gehaltsgruppen geeignet.
Es ist Aufgabe des Tierhalters, für das Wohlergehen seines Tieres zu sorgen. Diese Versorgung sollte auch für die Dauer der Lebenserwartung des Tieres sichergestellt werden können.

Unvorhergesehene Belastungen, Erkrankungen oder Operationen sollten über eine Versicherung oder entsprechende Rücklagen abgesichert sein.

Gleiches gilt auch für Mehr-Hunde-, Mehr-Katzen-, Mehr-Kaninchen-Haushalte. Auch hier ist der Tierhalter für die finanzielle Absicherung der Gesundheit und der Bedürfnisse seiner Tiere zuständig.

Die novellierte Gebührenordnung (GOT) für Tierärzte

Die Gebührenordnung für Tierärzte stellt den gültigen gesetzlichen Rahmen für die Gebühren einer tierärztlichen Behandlung dar. Sie trat mit Beginn des Novembers 2022 in novellierter Form in Kraft.

Hintergründe:

Es ist von tierärztlicher Seite unbestritten, dass die Kosten für Tierhalter mit der Novellierung der GOT 2022 grundsätzlich gestiegen sind. Dabei wurden die GOT-Preise lediglich an die damaligen Kostenstrukturen angepasst und der Inflationsausgleich bis 2021 durchgeführt.
Wir sind uns zudem einig, dass es in jeder Versorgungsstufe Abrechnungen gibt, die auch uns Tierärzten der Realität entflohen scheinen. Diese Zahl steigt zusehends.
Das ist aber kein Fehler der GOT an sich.

Es ist ein Mangel an Klarheit INNERHALB der GOT.
Klare Definitionen und klare Regeln verhindern Missbrauch und schützen Mensch und Tier.

Ein paar Beispiele:
Kein vernünftiger Mensch würde einen Pferdestall ohne Kostenvoranschlag, Kostenplanung und ohne kleinteilige Baubeschreibung veranlassen.
Diesen regulierenden Rahmen bildet in der Tiermedizin die GOT.

Kein vernünftiger Mensch würde die Baukosten von vor drei Jahren mit heutigen Baukosten für diesen Pferdestall vergleichen und Preisgleichheit fordern.
Wir Tierärzte sehen uns aber regelmäßig solchen Forderungen ausgesetzt! Mit welcher sinnvollen Begründung?

Warum braucht die GOT ihre Faktoren?

Eine gut funktionierende Gebührenordnung muss einen Kostenrahmen abbilden können.

Kleintierärzte behandeln das ganze Spektrum einer Tierart: Vom kleinen Chihuahua mit unter zwei Kilogramm über den 25 kg schweren, schlanken Familienhund bis hin zum schweren Rottweiler mit über 70 Kilogramm Körpergewicht.
Für alle drei Größen kennt die GOT aber nur die gleichen Posten z. B. für Kastration oder Zahnextraktion. Die Durchführung des gleichen Eingriffes muss logischerweise Variationsbreiten erlauben, allein wenn sie „nur“ den unterschiedlichen Tiergrößen gerecht werden soll.

Ein Beispiel zur Verdeutlichung:
Kunde: Was kostet bei Ihnen Rasenmähen?
Gärtner: Wie groß ist Ihr Garten? Welchen Zustand weist Ihr Garten auf?

Analog muss eine Gebührenordnung funktionieren.

Die Reevaluierung der GOT 2026

Die Reevaluierung der GOT gibt allen Beteiligten, Tierärzten, Kleintierhaltern und auch den lautstarken Pferdehaltern, die wunderbare Möglichkeit, sich konstruktiv zu beteiligen.
So viel sei Ihnen verraten: Die Einladungen der tierärztlichen Verbände an die Pferdeverbände zur Mitarbeit an der GOT werden mit schöner Regelmäßigkeit nicht beantwortet und ignoriert.
Liebe Pferdeverbände – nur mit Kritik kommen wir aber nicht vom Fleck.

Ist die Gebührenordnung verzichtbar?

Auf keinen Fall. Lernen wir doch lieber aus den Problemen anderer:

Das United Kingdom bemüht sich gerade händeringend um die Einführung einer GOT-analogen Regelung. Mit dem Eintritt der Investoren in den dortigen tierärztlichen Markt sind die Preise durch die Decke gegangen und für die allermeisten, inklusive der Tierkrankenversicherungen (!!), untragbar geworden.
Deswegen hat die Regierung erst im März umfangreiche Regelungen eingeführt: [4]

  • Bereitstellung allgemeiner Informationen zu Eigentumsverhältnissen, Preisen und Leistungen: Informationen, die Tierhalter bei der Auswahl einer tierärztlichen Praxis unterstützen.
    -> Anmerkung: Auch in Deutschland „verstecken“ sich die Investoren gerne im Impressum einer Praxis oder Klinik.

  • Bereitstellung von Informationen und Richtlinien zu Behandlungen: Informationen, die Tierhalter bei der Entscheidung über Behandlungen in der Praxis unterstützen.
    -> Anmerkung: gefordert wird die Transparenz der geplanten Behandlungen und Kostenschätzungen ab ca. 600 EUR -> KEINE Pauschalpreise!

  • Verschreibung von Tierarzneimitteln: Informationen und Verfahren zur Stärkung des Wettbewerbs bei der Versorgung mit Arzneimitteln.
    -> Anmerkung: Ist in Deutschland über die Arzneimittelpreisverordnung geregelt.

  • Verwaltung von Notdienstverträgen außerhalb der regulären Öffnungszeiten: Beschränkungen von Vertragsbedingungen für externe Notdienstanbieter, um Tierarztpraxen den Wechsel des Anbieters zu erleichtern.
    -> Anmerkung: Auch die Notdienstpreise sind in Deutschland über die GOT bereits geregelt und gedeckelt!

  • Angebot von Einäscherungsleistungen: Informationen zur Unterstützung der Wahl einer Leistung nach dem Tod des Haustiers sowie Bereitstellung einer einfachen gemeinschaftlichen Einäscherung.
    -> Anmerkung: Auch in Deutschland gibt es Investoren, die Tierarztpraxen, Tierkliniken und Tierkrematorien betreiben.

  • Bearbeitung von Beschwerden: Unterstützung eines guten Beschwerdeverfahrens.
    -> Anmerkung: Wer ist Ansprechpartner für Tierhalter? Die Inhaber oder eine zentrale, anonyme Rechtsabteilung?

Fazit 3:
Eine gut geregelte Gebührenordnung schützt Tierhalter vor überhöhten Kosten zu jeder Zeit.
Eine gut geregelte Gebührenordnung schafft ein wirtschaftlich stabiles Umfeld für Tierkliniken und Tierarztpraxen.
Tierhalter und ihre Interessensverbände sollten diesen Vorteil für Tierhalter nicht leichtfertig in Frage stellen.

Die Reevaluierung gibt allen beteiligten Gruppen die Chance, die Gebührenordnung zu verbessern.

Merke:
Englands Tierhalter haben ein massives Problem mit explodierenden Kosten seit dem Eintritt der Investoren in den tiermedizinischen Markt. Die Gebührenordnung für Tierärzte reguliert in Deutschland bereits viele der Probleme, vor denen Tierhalter in England gerade stehen.

Ein Preisvergleich: Das Kaninchen zur Kastration

Die Autoren stellen zwei Rammler vor, die kastriert werden sollen: einen in einer kleinen Praxis, einen in einer renommierten High-End-Tierklinik. Sie wollen wissen, was die Kastration jeweils kostet.

Die kleinen, niedergelassenen Praxen

Im SWR-Beitrag gelten die kleinen, inhabergeführten Praxen als die Hoffnungsträger für Tierhalter – herzlich, empathisch und zugewandt. Flexibel in der Preisberechnung und mit dem Herzen am rechten Fleck.

Lassen Sie uns auch dieses Bild genauer betrachten:

Selbstverständlich sind solche kleinen Tierarztpraxen in keiner Weise mit den großen Tierkliniken zu vergleichen, wie sie im Beitrag exemplarisch dargestellt wurden. Und selbstverständlich sind auch sie vollständig an die Einhaltung der GOT gebunden.
Sie müssen ihre Leistungen fachlich korrekt erbringen und auch GOT-konform abrechnen. Ein Narkosemonitoring sollte daher bei einer modernen Narkose immer angeschlossen werden, funktionieren und abgerechnet werden. Gleiches gilt natürlich auch für die vollständige Berechnung von Verbrauchsmaterialien.

Es gibt in der Tat einige wesentliche Punkte, die mir wichtig erscheinen:

Klar definierte Ansprechpartner

In der Regel gibt es für Tierhalter den Inhaber als Ansprechpartner. Inhaber brauchen keinen Manager, der für sie ihre Rechnungen argumentiert – sie machen das selbst.

Keine teure Verwaltungsebene

Inhabergeführte Praxen und Kliniken ernähren ihre Familien und die der Mitarbeiter. Sie müssen keinen großen administrativen Overhead ernähren, wie die investorengeführten Einheiten.

Tierarztpraxen sind Wirtschaftsbetriebe

Tierarztpraxen sind immer Wirtschaftsbetriebe, aber sie sind für viele Inhaber keine reinen Investments. Inhaber wollen von ihrer Arbeit leben, aber sie haben keine stetig ansteigenden und oft realitätsfernen Umsatzvorgaben, die ihnen von einer Konzernleitung vorgegeben werden.

Herzblut und Empathie

Jeder Tierarzt steckt in die ihm anvertrauten Patienten sein Herzblut. Inhaber auch in ihre Praxis. Inhaber wollen, dass die Praxis „morgen“ noch besteht und sie kennen ihre Tierbesitzer. Kein Tier und kein Besitzer ist dort eine Nummer oder ein Fall.

Diese Inhaber werden weniger

Zunehmend weniger junge Tierärzte wollen sich in eigener Praxis niederlassen. Sie scheuen das Risiko der Selbständigkeit und fürchten ungerechte Bewertungen frustrierter Kunden. Inhabergeführte Praxen und Kliniken haben es derzeit ausgesprochen schwer, Nachfolger zu finden. [5]

Und die Tierklinik? Eine Entwicklung mit Folgen

Ungefähr zwischen 2016 und 2020 gab es nach meiner Wahrnehmung einen Trend:

Jeder Patient muss in eine Tierklinik, von der Kastration bis zur Wirbelsäulen-OP. Jeder noch so triviale Eingriff darf nur von ausgewiesenen Spezialisten und nur unter Einsatz aufwendigster Technik durchgeführt werden.“

Diese Botschaft haben Tierkliniken den Tierhaltern erzählt, wurde in Tierhalterforen vielfältig geteilt und in die Köpfe der Tierhalter geklopft.
Die Begründung dieser Kliniken: Bessere Ausstattung, höhere Expertise, bessere Tiermedizin für das geliebte Tier.

Die Folge: Viele Tierkliniken wurden zu riesigen, unveräußerlichen, anonymen Klötzen mit einer großen Anzahl an Mitarbeitern, oft auch verbunden mit hoher Personalfluktuation.

Der Einstieg von Investoren war eine erwartbare und logische Konsequenz.

Der Kostendruck in großen tiermedizinischen Einheiten

Und heute? Der Coronaboom ist vorüber, tiermedizinische Leistung wurde teurer, eine Krise jagt die nächste und Tierhalter werden kostenbewusster.
Nun geht es diesen Einheiten ein wenig wie der Pferdebesitzerin im Beitrag – die hohen monatlichen Kosten nagen an der Substanz.
Insbesondere, wenn zusätzlich externe Renditeerwartungen zu erfüllen sind, entsteht ein zunehmender betriebswirtschaftlicher Druck auf die angestellten Tierärzte, Umsatz zu generieren. Mehr und höherwertige Leistungen müssen die Kosten auffangen und an die Tierhalter verkauft werden.

Die Argumentation mit besserer Ausstattung, besserer Ausbildung der Mitarbeiter etc. hat sich indes nicht geändert – nur dient sie nun als Rechtfertigung für höhere Kosten – bis runter zur Kastration eines Kaninchens.
Hören Sie der Managerin im Beitrag zu.

Die Alternative – Tierhalter können sie finden

Der Beitrag zeigt jedoch, dass es für viele Eingriffe sehr wohl gute und fachlich adäquate Alternativen geben kann.
Fachtierärzte und Spezialisten haben sich in eigenen Praxen niedergelassen, sie sind nahbar und ansprechbar. Sie bieten hohe fachliche Kompetenz und fachlich sehr gute und zum Teil sogar hoch spezialisierte Tiermedizin. Viele Praxen verfügen inzwischen über moderne Technik, die der in Kliniken in nichts nachsteht.

Wenn Tierhalter sich auf die Suche begeben, finden sie für viele Fälle eine solide Alternative – oft auch kostengünstiger, ohne damit der „billigen“ Tiermedizin das Wort reden zu wollen.

Viele unabhängige Tierärzte finden Sie in der Gesellschaft für freie Tiermedizin e.V.

Fazit 4:
Es gibt viele hochausgebildete Tierärztinnen und Tierärzte, die hervorragende Arbeit in ihren Praxen erbringen. Sie verfügen vielfach über innovative und hervorragende Ausstattung und sind persönliche Ansprechpartner für die Tierhalter.

Sehr viele Fälle können bestens in einer engagierten (Fachtierarzt-)Praxis versorgt werden. Nicht jeder Patient braucht jederzeit High-End-Diagnostik und Versorgung.

Tierkliniken sind notwendige High-End-Versorger in der Tiermedizin und haben deswegen auch oft viel höhere Preise. Ohne sie geht es nicht.
Der Einsatz teurer High-End-Diagnostik und -Versorgung muss an eine faire Ethik gekoppelt sein und darf nicht betriebswirtschaftlichen Interessen dienen.

Was nehmen wir nun aus dem SWR-Beitrag mit?

Der Beitrag beschreibt in meinen Augen ein echtes Dilemma für Tierhalter und Tierärzte.
Die Grundkosten tierärztlicher Behandlung mussten notwendigerweise steigen, aber es gibt Einheiten, die es mit der Kostensteigerung in meinen Augen übertreiben.

Eine verpasste Chance

Wir Tierärztinnen und Tierärzte hätten uns gefreut, wenn die Autoren des Beitrages dieses wichtige Thema differenzierter aufgearbeitet und ernsthaft in die Tiefe recherchiert hätten. So verbleibt der Beitrag leider plakativ und oberflächlich.
Von seinem Titelanspruch „Tierisch teuer – Was hinter den hohen Tierarztkosten steckt“ wird, wenn überhaupt, nur der erste Teil angerissen.

Eine echte Antwort auf seine eigene Titelfrage bleibt Berndt Welz unglücklicherweise schuldig.

Viel schlimmer noch:
Durch das gezeichnete, pauschale Bild legt er völlig unnötig die Axt an die Wurzel der vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Tierhaltern und der Tierärzteschaft in Gänze.

Falsche, pauschalisierte Schuldzuweisungen nützen weder Tierhaltern noch Tierärzten, auch wenn sie hohe Klickzahlen und Reichweite versprechen.

Der bessere Weg

Wenn wir gemeinsam eine sichere tierärztliche Versorgung in Deutschland ermöglichen wollen, müssen sich nach meiner Meinung ein paar Dinge ändern.

  • Die Debatte um tierärztliche Gebühren muss versachlicht werden – vor allem in öffentlich-rechtlichen Sendungen, aber auch in den sozialen Medien.

  • Wir brauchen eine konstruktive Diskussion über die Gebührenordnung, denn an ihr hängt unmittelbar die Zukunft der tierärztlichen Versorgung in Deutschland.

  • Tierärztliche Verbände sollten Fehlentwicklungen innerhalb des Berufsstandes offen benennen. Sie sollten intern aktiv geregelt und auch mit der Öffentlichkeit klar kommunizert werden.

Die Kommerzialisierung und die sichtbaren Auswirkungen betreffen das gesamte Gesundheitswesen, nicht nur die Tierärzte.

Profitgetriebene Beratungen und ausufernde Rechnungsstellungen haben meiner Meinung nach im Gesundheitswesen insgesamt nichts zu suchen. Sie zerstören das Vertrauen, das für die gute Zusammenarbeit zwischen Tierärzten und Tierhaltern ebenso notwendig ist wie zwischen Ärzten, Zahnärzten und ihren Patienten und hinterlassen einen irreparablen Imageschaden in den Berufsständen.

Tierhalter brauchen Tierärzte, denen sie vertrauen können. Tierärzte brauchen Tierhalter, die verstehen, welche Leistungen hinter einer Rechnungssumme stecken. Beide brauchen dafür Strukturen, die nicht primär ihre Rendite optimieren, sondern Tiere mit Herzblut versorgen.

Den Profit aus diesen Praktiken kassieren die Verursacher, der Schaden bleibt bei Menschen, Tieren und Doktoren.

 

Dr. Klaus Sommer
Fachtierarzt für Kleintiere
GPCERT (SAS)
praktischer Tierarzt
Inhaber

© Dr. Klaus Sommer – Alle Rechte vorbehalten.

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Quellen:
[1] https://www.bundestieraerztekammer.de/btk/downloads/BTK-Stellungnahme_SWR-Beitrag_2026.pdf
[2] https://bundangestelltertieraerzte.de/arbeitsbedingungen-angestellter-tieraerztinnen-2025-publizierte-bat-studie-zeigt-veraenderungen-und-handlungsbedarfe-auf/
[3] https://www.mdpi.com/2306-7381/13/5/494
[4] https://www.gov.uk/guidance/what-veterinary-businesses-and-vets-need-to-do-following-the-cmas-final-vets-report
[5] https://bundestieraerztekammer.de/btk/statistik/downloads/2025.pdf

Bildnachweis:
Beitragsbild: (c) Dr. Klaus Sommer, KI generiert mit ChatGPT
Statistiken (c) Dr. med. vet. Viola Hebeler Tierärztin, Breuerkamp 8, 51580 Reichshof