Ein seltener Fall: Emphysematöse Zystitis beim Rüden
Wenn Tierhalter Blut im Urin ihres Hundes entdecken, ist das für sie immer erschreckend.
Man sieht eine rötliche Verfärbung auf dem Boden, im Schnee oder im aufgefangenen Urin. Oftmals setzen die Patienten häufiger kleine Mengen Urin ab, manchmal pressen sie vergeblich; manchmal erfolgt der Urinabsatz nur tröpfchenweise.
Meist steckt dahinter eine Blasenentzündung – eine häufige Erkrankung, die in der Regel gut behandelbar ist.
In einzelnen Fällen steckt aber mehr dahinter als eine einfache bakterielle Entzündung der Harnblase.
Ein solcher Fall wurde uns vorgestellt.
Ein Mischlingsrüde mit Blut im Urin
Der Patient war ein etwa fünf Jahre alter Mischlingsrüde.
Er wurde wegen blutigen Urinabsatzes zur Zweitmeinung bei uns vorgestellt. Schon seit mehreren Monaten bestand eine Inkontinenz. Der Hund verlor immer wieder Urin. Deswegen trug er eine Windel. In dieser war wiederholt Blut zu sehen.
Zusätzlich bestand seit längerer Zeit eine Polyurie und Polydipsie. Das bedeutet: Der Hund trank mehr (Polydipsie) als üblich und setzte auch mehr Urin ab (Polyurie).
Eine Schilddrüsenunterfunktion ist bekannt und wird behandelt.
In der klinischen Untersuchung war der Hund munter. Die Schleimhäute waren rosa und feucht. Die Lymphknoten waren unauffällig. Die Stellreflexe der Hintergliedmaßen waren normal. Auch die Reflexe in der anogenitalen Region waren erhalten.
Auffällig war etwas anderes.
Die Körpertemperatur lag mit 37,4 °C eher niedrig. Vor allem aber war die Harnblase hochgradig schmerzhaft. Der Hund war bei der Palpation deutlich verkrampft. Der vom Besitzer aufgefangene Urin war deutlich blutig.
Es war bereits eine Vorbehandlung mit Antibiotika und mit Schmerzmedikamenten vom Haustierarzt erfolgt. Allerdings war die Behandlung nur sehr kurzfristig wirksam gewesen.
Das passte nicht mehr zu einer kleinen, harmlosen Harnblasenreizung.
Das Röntgenbild brachte den entscheidenden Hinweis
Aufgrund der längeren Vorgeschichte, der Vorbehandlung und der deutlichen Schmerzhaftigkeit rieten wir zunächst zu einer Röntgenuntersuchung.

Auffällister Befund war die Harnblase.
In der Blasenwand waren Gaseinschlüsse zu erkennen (blaue Pfeile). Der Inhalt der Harnblase erschien weichteildicht. Einen Hinweis auf röntgendichte Harnsteine gab es nicht. Das schließt nicht jeden Stein sicher aus, aber es macht bestimmte Steinarten weniger wahrscheinlich.
Unter der Lendenwirbelsäule, entlang der Lymphgefäße, zeigten sich ebenfalls Gasansammlungen (blaue Pfeile).
Die grünen Pfeile markieren den gasgefüllten Dickdarm und dienen nur der Orientierung.
Ein seltener Befund
Damit bestand bereits anhand des Röntgenbildes der dringende Verdacht auf eine emphysematöse Zystitis.
Das ist eine sehr seltene, komplizierte Form der Blasenentzündung. Dabei bilden gasproduzierende Bakterien Gas in der Harnblase, in der Blasenwand oder in beidem [3, 4, 6]. Genau diese Gasansammlungen können im Röntgenbild sichtbar werden – als Aufhellungen, also dunkle Flecken, im Blasenlumen oder in der Blasenwand [5].
Der Ultraschall bestätigte den Verdacht
Anschließend führten wir eine Ultraschalluntersuchung durch.
Die Untersuchung erfolgte im Stehen. Dabei zeigte sich, dass die Harnblasenwand mit sehr vielen kleinen Gasbläschen besetzt war. Der eigentliche Inhalt der Harnblase war dadurch kaum beurteilbar.
Das liegt an einem einfachen physikalischen Problem: Gas stört den Ultraschall massiv. Es kommt zu Schallauslöschung und typischen Artefakten. Alle hinter dem Gas liegenden Strukturen können nicht beurteilt werden.
Genau solche Befunde sind bei der emphysematösen Zystitis beschrieben: helle Echos, Reverberationsartefakte und zum Teil eine nicht sicher beurteilbare Blasenwand oder ein nicht beurteilbarer Blaseninhalt [2, 5]. In einer Untersuchung von 36 Hunden und 2 Katzen war bei rund einem Drittel der Patienten die Blasenwand wegen der Gasbildung sonografisch nicht sicher beurteilbar [2].
Urinuntersuchung: massiv Bakterien und Blut
Der Besitzer hatte Spontanurin mitgebracht. Diesen untersuchten wir zusätzlich.
Im Sediment zeigte sich ein massiver Bakterienbefall. Außerdem fanden sich viele Blutzellen. Das spezifische Gewicht war zu niedrig. Der pH-Wert lag bei 6. Der pH-Wert des Hundeurins kann schwanken; in diesem Fall lag er bei 6.
Der Urin wurde zusätzlich zur bakteriologischen Untersuchung eingesandt.
Aufgrund der deutlichen Klinik, der langen Vorgeschichte, des Röntgenbefundes und des Ultraschallergebnisses wurde sofort mit einer antibiotischen Therapie begonnen. In diesem Fall warteten wir nicht erst mehrere Tage auf das Kulturergebnis. Zum Einsatz kamen zwei Antibiotika, die gezielt für diese komplizierte Situation ausgewählt wurden.
Das ist nicht der Normalfall bei jeder Blasenentzündung.
Aber es war hier medizinisch begründet.
Die ISCAID-Leitlinie zur bakteriellen Zystitis bei Hund und Katze betont gerade bei komplizierten oder wiederkehrenden Infektionen die Bedeutung einer gezielten Diagnostik, der Urinkultur und eines verantwortungsvollen Antibiotikaeinsatzes [1].
Innerhalb weniger Stunden ging es dem Rüden besser
Die telefonische Kontrolle am Morgen nach Therapiebeginn zeigte eine deutliche Besserung.
Unser Patient war wieder wesentlich lebendiger und nahezu schmerzfrei.
Ein paar Tage später lag der bakteriologische Befund vor. Nachgewiesen wurden bemerkenswerterweise:
- Klebsiella oxytoca mit 1.000.000 KBE/ml
- Bacteroides pyogenes mit 1.000 KBE/ml
Bei Harnwegsinfektionen des Hundes wird häufig E. coli nachgewiesen.
Bei der emphysematösen Zystitis sind gasbildende Keime entscheidend; in der Literatur werden unter anderem E. coli, Klebsiella-Arten, Proteus, Enterokokken und weitere Erreger beschrieben [3, 4, 6]. In der Fallserie von Merkel et al. fanden sich bei 27 Hunden unter anderem E. coli, Enterococcus spp., Klebsiella pneumoniae, Proteus mirabilis, Streptococcus spp. und Actinomyces spp. [3].
Die Kontrolle zeigte: Die Blase war wieder normal
Nach Abschluss der Therapie wiederholten wir den Ultraschall zur Therapiekontrolle und primäre Erkrankungen in der Hanblase asuzuschliessen. Die Veränderung war vollständig zurückgegangen. Die Blasenwand sah wieder unauffällig aus. Es gab keinen Hinweis auf Harnsteine. Die emphysematöse Zystitis war sonografisch nicht mehr nachweisbar.
Damit war die akute Erkrankung behandelt, aber der Fall ist damit noch nicht vollständig abgeschlossen.
Die Suche nach möglichen Grunderkrankungen steht noch aus.
Dieser Fall ist aus mehreren Gründen ungewöhnlich.
In der Literatur wird angegeben, dass etwa jeder siebte Hund im Laufe seines Lebens mindestens einmal eine bakterielle Harnwegsinfektion entwickelt [4]. Typischerweise tritt die Zystitis häufiger bei der Hündin auf als beim Rüden. Beim unkastrierten Rüden muss zusätzlich immer auch an die Prostata gedacht werden, wenn Blut im Urin auftritt.
Lange galt die emphysematöse Zystitis vor allem als Erkrankung diabetischer Hunde. Der hohe Zuckergehalt im Urin liefert gasbildenden Bakterien das passende Substrat [6].
Neuere Untersuchungen zeichnen ein anderes Bild: In einer Serie von 36 Hunden und 2 Katzen lag Diabetes nur bei rund 10 % vor – deutlich häufiger waren chronische Harnwegsinfekte und ein geschwächtes Immunsystem [2]. Auch reine Fallberichte beschreiben die Erkrankung bei nicht-diabetischen Hunden [4, 5].
Bei länger bestehender Inkontinenz, Polyurie und Polydipsie können Diabetes mellitus, Hyperadrenokortizismus (Cushing), chronische Nieren- oder Lebererkrankungen, neurologische Blasenfunktionsstörungen, anatomische Besonderheiten oder Harnblasentumoren eine Rolle spielen. In der Fallserie von Merkel et al. hatten fast alle Hunde mit emphysematöser Zystitis eine zusätzliche Erkrankung [3].
Genau deswegen muss man an solchen Patienten „dranbleiben“ und nach einer möglichen Ursache forschen!
Warum in unseremFall diese seltene Form der Blasenentzündung überhaupt entstehen konnte, müssen die weiterführenden Untersuchungen nach dem vollständigen Abklingen der akuten Phase zeigen.
Was wir aus diesem Fall mitnehmen
- Beim Rüden ist eine Blasenentzündung weniger typisch als bei der Hündin und sollte besonders sorgfältig abgeklärt werden.
- Therapierefraktäre Blasenentzündungen müssen exakt und konsequent abgeklärt werden.
- Die Minimaldiagnostik bei solchen Verläufen umfasst:
- Röntgen
- Ultraschall
- Urinuntersuchung
- bakteriologische Untersuchung von frischem Urin
- Eine Computertomographie ist nur in wenigen Ausnahmefällen notwendig.
- Jeder Hund mit wiederkehrenden Beschwerden, Blut im Urin, Inkontinenz, deutlicher Schmerzhaftigkeit oder auffälligem Trinkverhalten sollte sorgfältig abgeklärt werden.
Herzliche Grüße und bis bald!
Autorenprofil:
Dr. Klaus Sommer
Fachtierarzt für Kleintiere
General Pracitioner Certificate (Small Animal Surgery)
praktizierender Tierarzt
Inhaber
Quellen
- Weese JS, Blondeau J, Boothe D, et al. International Society for Companion Animal Infectious Diseases (ISCAID) guidelines for the diagnosis and management of bacterial urinary tract infections in dogs and cats. The Veterinary Journal. 2019;247:8–25. DOI: 10.1016/j.tvjl.2019.02.008
- Lippi I, Mannucci T, Della Santa D, et al. Emphysematous cystitis: retrospective evaluation of predisposing factors and ultrasound features in 36 dogs and 2 cats. The Canadian Veterinary Journal. 2019;60(5):514–518.
- Merkel LK, Lulich J, Polzin D, et al. Clinicopathologic and microbiologic findings associated with emphysematous cystitis in 27 dogs. Journal of the American Animal Hospital Association. 2017;53(6):313–320. DOI: 10.5326/JAAHA-MS-6722
- Lee EJ, Lee JM, Kim JY, et al. Emphysematous cystitis due to Escherichia coli infection with the extension of gas into multiple locations in two non-diabetic dogs: a computed tomographic diagnosis and successful management. Frontiers in Veterinary Science. 2023;10:1196006. DOI: 10.3389/fvets.2023.1196006
- Petite A, Busoni V, Heinen MP, et al. Radiographic and ultrasonographic findings of emphysematous cystitis in four nondiabetic female dogs. Veterinary Radiology & Ultrasound. 2006;47(1):90–93.
- Fumeo M, Manfredi S, Volta A. Emphysematous cystitis: review of current literature, diagnosis and management challenges. Veterinary Medicine: Research and Reports. 2019;10:77–83. DOI: 10.2147/VMRR.S193823
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